Gestern, Brüder, könnt ihr´s glauben

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Der Tod und der Trinker

KV-Liederbuch Seite 100

Gestern, Brüder, könnt ihr´s glauben.gif


1. Gestern, Brüder, könnt ihr´s glauben?
Gestern bei dem Saft der Trauben,
bildet euch mein´ Schrecken ein,
kam der Tod zu mir herein.
Hop, hop, hop, vivallerallera,
vivallerallerallerallera.

2. Drohend schwang er seine Hippe,
drohend sprach das Furchtgerippe:
„Fort, du teurer Bacchusknecht!
Fort, du hast genug gezecht!"
Hop usw.

3. „Lieber Tod," sprach ich mit Tränen,
„solltest du nach mir dich sehnen?
Sieh, da stehet Wein für dich!
Lieber Tod, verschone mich!"
Hop usw.

4. Lächelnd greift er nach dem Glase,
lächelnd macht er's auf der Base,
auf der Pest Gesundheit leer;
lächelnd setzt er's wieder her.
Hop usw.

5. Fröhlich glaub 'ich mich befreiet,
als er schnell sein Drohn erneuet:
„Narre, für dein Gläschen Wein
denkst du," spricht er, „los zu sein?"
Hop usw.

6. „Tod", bat ich, „ich möcht auf Erden
gern ein Mediziner werden;
laß mich! Ich verspreche dir
meine Kranken halb dafür."
Hop usw.

7. „Gut, wenn das ist, magst du leben,"
sprach er, „nur sei mir ergeben.
Lebe, bis du satt geküßt
und des Trinkens müde bist."
Hop usw.

8. „O! wie schön klingt dies den Ohren!
Tod, du hast mich neu geboren.
Dieses Glas voll Rebensaft,
Tod, auf gute Brüderschaft!"
Hop usw.

9. Ewig muß ich also leben,
ewig denn beim Gott der Reben!
Ewig soll mich Lieb' und Wein,
ewig Wein und Lieb' erfreun!
Hop usw.

Worte: Gotth. Ephraim Lessing, 1747 (1729—1781)
Loudspeaker.png    Weise i: Aug. Harder (1775—1813)
(Aus d. Dt. Kommersbuch, Verl. Herder Frbg.)