Wissenschaft

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Der KV ist offen für vielfältige, weltanschauliche Positionen und gesellschaftliche Entwicklungen. Im Sinne des Grundsatzes „scientia" verfolgt der Verband das Ziel, den Kartellangehörigen eine über das Wissen im eigenen Fachbereich hinausgehende Bildung in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen zukommen zu lassen. Hierdurch soll das Bewußtsein der sozialen Verpflichtung eines jeden einzelnen bestärkt und die Mitwirkung bei der Bewältigung für die Gesellschaft bedeutsamer Aufgaben gefördert und erleichtert werden.

l. Das zweite Prinzip - mitunter Gegenstand von Festvorträgen - findet seine Verwirklichung eigentlich außerhalb der Verbindung. Scientia zeigt neben dem durch das erste Prinzip angesprochenen inneren Standpunkt die äußere Verortung der Vereinsmitglieder in der Hochschule. Daneben aber sollte es eine allgemeine geistige Grundhaltung kennzeichnen: Das Streben nach der Erkenntnis der Wahrheit. Blättert man in früheren Handbüchern von Studentenverbänden, so findet sich sehr viel Hehres nicht nur zu den Prinzipien religio und amicitia, sondern ebenfalls zum Prinzip scientia: „Bildung, Tiefe, Innerlichkeit, ernstes Studium, lauteres Ethos und Gottesbezogenheit - all das ist beschlossen im Prinzip „Wissenschaft" (KV-Handbuch(1957), S. 98).
Auch das CV-Handbuch aus dem Jahre 1980 spricht vom Ethos der Zielsetzung der Wahrheitssuche, die den Studenten und Akademiker auszeichnet (S. 113). Daraus werden dann aber bereits sehr konkrete Forderungen für Studenten und „Altakademiker" abgeleitet. Es kann hier nicht darum gehen, die allgemeine Bedeutung von Wissenschaft aufzuzeigen, geschweige denn dieses Prinzip aus der Wissenschaftsbegeisterung der Romantik in seinem Inhalt zu füllen, so wie dies in der Hochzeit der Verbindungsgründungen der Fall war und noch heute in so mancher Prinzipienrede fortlebt.

2. Wir sind es gewohnt, Wissenschaft nüchtern zu betrachten, und da gilt es dann zunächst zu reduzieren auf den Bereich, in dem der Student überhaupt noch mit Wissenschaft in Verbindung kommt. Dies sollte neben den technischen Disziplinen, in denen er in Aufbau und Durchführung von Versuchsreihen eingeschaltet wird, im geisteswissenschaftlichen Bereich vor allem in dem alles bestimmenden Komplex der Vorlesungen der Fall sein. An der eigentlichen wissenschaftlichen Fortentwicklung im Bereich der Seminare hat der Student - jedenfalls in den Massenfächern - nur noch im geringsten Umfang Anteil. Lehre jedoch ist heute wohl nur in den wenigsten Fällen noch mit echter wissenschaftlicher Lehre zu vergleichen, scientia müßte man in diesem Bereich doch eher mit Ausbildung übersetzen.
Sollte man nun in dieser Situation, die darüber hinaus noch dadurch gekennzeichnet ist, daß über den (Aus-)Bildungsauftrag der Universität kein Konsens besteht, überhaupt noch auf das Prinzip scientia Gewicht legen? Ich meine: Erst recht!
Die Verwirklichung der scientia ist heute wichtiger denn je. Verbindungen haben in der derzeitigen Universitätssituation eine besondere Aufgabe. Sie können und müssen diese zum Wohl des Ganzen, aber auch des einzelnen Gliedes erfüllen.
Die erste Aufgabe der Verbindung muß der Hochschullehrer darin sehen, vermeiden zu helfen, daß der Student durch den Ausbildungsbetrieb „aufgefressen" wird. Derjenige, der ein wenig Persönlichkeit werden will, bedarf weit mehr als der wissenschaftlichen Ausbildung an unseren hohen Schulen. Er bedarf zumindest zwischenzeitlichen Abstandnehmens von diesem Betrieb, um sich gemeinsam mit den Angehörigen anderer Fakultäten auf das zu besinnen, was Wissenschaft heißen sollte, und das zu pflegen, was Wissenschaft ausmacht, den interfakultären Kontakt. Er sollte in gegenseitiger Anregung nach den Grundlagen suchen.
Die Verbindungen sind aufgerufen, wenn auch nur für kleinere Teile der Studentenschaft, ein wenig von dem wiederherzustellen, was Universität einmal gewesen ist. Dies gilt zunächst für den fächerüberspannenden Kontakt, der in den Hochschulen fast völlig verlorengegangen ist. Es gilt aber auch die Möglichkeit zu nutzen, das Hochschulgetto aufzubrechen, in dem die meisten Studenten sich glauben - Vereinsamung der Masse. Probleme, die einem von innen her groß und drückend erscheinen, reduzieren sich oft durch einen Kontakt mit der Außenwelt auf die wahre Bedeutung. Nur der Kontakt mit anderen, auch höheren Semestern und Alten Herren, läßt die eigene Gesamtsituation einigermaßen realistisch einschätzen. Neben dieser Einbettung in eine Gemeinschaft ermöglichen die Verbindungen aber auch persönliche Emanzipation und Standortfindung weit eher, als dies in einem Massenstudium heute noch möglich ist.
Schließlich gilt es, einen „Fluchtweg" aus der derzeitigen Situation aufzuzeigen: Leistungsdruck, Höchstleistungsforderungen haben große Teile unserer Studentengeneration bereits jetzt degenerieren lassen. Sie haben sich selbst zurückentwickelt in eine Generation von Jägern und Sammlern, von Punktesammlern und Scheinjägern. Mit einem auf dieser Basis erreichten Examen ist aber im späteren Leben nur wenig anzufangen. Lebenstauglichkeit bedeutet neben dem Erwerb handwerklicher Fähigkeiten auch die Entwicklung bestimmter Eigenschaften. Eine der wesentlichen davon ist, sich verantwortlich zu wissen. Gerade diese Möglichkeit eröffnet eine Verbindung. Sie kann damit eine der wesentlichen Aufgaben der Hochschulbildung erfüllen helfen. Diese Chance sollte jede einzelne Korporation nutzen.

3. Wenn sich Studentenverbindungen dem Prinzip scientia verpflichtet wissen, so bedeutet dies, daß sie ein Klima zu schaffen und zu pflegen haben, das es dem einzelnen ermöglicht, neben seiner Aktivität im Bund sich dem Studium so zu widmen, daß er dieses in angemessener Zeit abschließen kann. Darüber hinaus sollten sie ihn ermuntern, auch in der Hochschulselbstverwaltung aktiv zu sein.
Durch die Gestaltung der Semesterprogramme sollte die Möglichkeit zu interfakultärem Gedankenaustausch besonders genutzt und angeregt und somit ein kleiner Ersatz für das Studium generale geboten werden. Aber auch den je eigenen Fachbereich sollte die Verbindung nicht vernachlässigen. Gute Ansätze dazu ergeben sich durch die Bildung kleiner Arbeitsgemeinschaften, in denen höhere Semester oder auch Alte Herren die Ausbildung der jüngeren begleiten.
Die Verbindung hat sogar die Aufgabe, einzelne, das Studium vernachlässigende Mitglieder (wieder) auf den richtigen Weg zu weisen bzw. ihnen dann die Gemeinschaft zu verweigern, wenn diese nur noch Gelegenheit zur Ablenkung vom Studium darstellen sollte. Die Übernahme von Verantwortung, 'namentlich durch die Übernahme einer Charge, sollte unter diesem Aspekt auch zum Prinzip scientia gehören. Sie ist keineswegs allein als Dienst für die anderen in amicitia zu sehen, sondern stellt einen wesentlichen Faktor für die Persönlichkeitsentfaltung und damit für die Bildung dar.

Die Verbindung sollte unter dem Prinzip scientia das „richtige Studium" ermöglichen und fördern sowie den Grundstein dafür legen, daß der Akademiker der Wahrheitssuche verpflichtet bleibt.

Franz-Ludwig Knemeyer